„Merkwürdigem“ Verhalten liegt oft eine Störung der Wahrnehmung zugrunde. Im folgenden Beitrag möchte ich dir zeigen was es damit auf sich hat und dass es sich zum Wohl unserer Kinder lohnt, sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Die einen Kinder wollen scheinbar nie zuhören und bringen kein Spiel zu Ende. Andere haben vor allem Angst, kleben an Mama und Papa. Oder es gibt Ärger im Kindergarten ,weil das Kind schnell aggressiv wird und andere Kinder schubst.
Bilderbücher gemeinsam ansehen ist langweilig, zeichnen oder Puzzle sind doof und irgendwie findet das Kind in kein Spiel. Manchmal gibt es auch Schwierigkeiten beim Turnen: „Mein Kind ist extrem vorsichtig und traut sich nichts.“ sagen Eltern oft in meiner Praxis, oder auch das Gegenteil: „Mein Kind klettert überall rauf, es kennt keinen Respekt vor Gefahren und tut sich ständig weh.“
Manche Kinder tun Dinge, mit denen wir nicht rechnen oder verhalten sich „problematisch“. Viele von diesen Kindern verweigern hartnäckig Aktivitäen, die anderen Kindern Spaß machen. Oder sie haben nach wenigen Sekunden scheinbar „ihr Interesse verloren“. Wir können nicht verstehen, warum sie sich so verhalten und möchten ihnen doch so gerne helfen.
Wahrnehmung umfasst viel mehr als du denkst.Die 3 vergessenen Organe der Wahrnehmung:
Von den 5 Sinnen hören wir schon in der Grundschule. Die 3 wichtigsten Organe der Wahrnehmung sind trotzdem weitgehend unbekannt. Sie entscheiden jedoch darüber, ob sich dein Kind gut in der Welt zurecht findet:
1. Gleichgewichtsorgan
Hast du schon mal überlegt, woher du fast immer weißt, wo oben und unten ist? Wie schaffst du es dich auch bei Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen sicher durch die Welt zu bewegen? Es ist unser Gleichgewichtsorgan (vestibuläres System), das uns laufend mit wichtigen Informationen für zielsichere und geschickte Bewegungen versorgt und das uns auch hilft, uns im Raum zu orientieren.
2. Muskel und Gelenke
In all unseren Muskeln und Gelenken befinden sich unser wohl wichtigstes Sinnesorgan. Kleine Sinneszellen, die uns laufend über die Stellung unseres Körpers, unsere Muskelspannung und über den Widerstand unserer Umwelt informieren. Ohne sie wären wir völlig planlos und ungeschickt. Vielleicht hast du schon mal eine der vielfältigen Bezeichnung hierfür gelesen: Propriozeption, Kinästhetische Wahrnehmung, Bewegungssinn oder Tiefenwahrnehmung etwa.
3. Das Gehirn als Schaltzentrale
Verarbeitet werden all die Sinnesreize im Gehirn, dem Organ, das mit Sicherheit den wichtigsten Beitrag zu unserer Wahrnehmung leistet: Aus Farbreizen werden Bilder, anhand von Tastreizen erkennen wir Gegenstände. Aus einem Gewirr an Geräuschen gelingt es unserem Gehirn den Gesprächsinhalt unseres Gegenübers zu lesen.
Ist das nicht unglaublich?
Das vielfältige Bild von Wahrnehmungsstörungen.3 Beispiele aus meiner Praxis
Wenn der komplexe Prozess der Wahrnehmung an einer Stelle nicht rund läuft. Wenn die Impulse aus den Sinnesorganen zu schwach ankommen oder nicht optimal verarbeitet werden, spricht man von Wahrnehmungsstörung.
1. Rund ums Gleichgewichtssystem
Läuft die Verarbeitung der Gleichgewichtsreize nicht optimal, so wirken die Bewegungen ungesteuert, überschießend, Blickkontakt kann möglicherweise nicht lange gehalten werden, da die Blicksteuerung beeinträchtigt ist. Das Kind erscheint unkonzentriert und tollpatschig oder unmotiviert eine Aktivität „ordentlich“ auszuführen.
2. Rund ums Erspüren / gespürte Interaktion
Gibt es Probleme beim Erspüren der Gegenstände („gespürte Interaktion“) können Kinder nichts mit Erfolg ergreifen und machen nur wenige Erfahrungen mit den Gegenständen. So erwerben sie kaum Kompetenzen im Tun mit den eigenen Händen. Die Kinder hängen an Mama und Papa und werden kaum selbständig. Sie erkunden oder spielen nicht alleine, da sie ihre Umwelt noch nicht verstanden haben. Meist ist auch die sprachliche Begriffsbildung und damit die Sprachentwicklung verzögert.
3. Überreaktion der Haut
Wenn das Tragen eines Pullovers, eine beiläufige Berührung, Haarewaschen und andere alltägliche Reize auf der Haut ein Kind in anhaltenden Stress versetzen sprechen wir von Überreaktion der Haut (taktile Wahrnehmungsstörung). Dieses Kind zuckt im Alltag oft aus und bringt Mama und Papa zur Verzweiflung, weil es nur selten den Eindruck vermittelt, sich in seiner Haut wohl zu fühlen.
Eltern wissen nicht mehr weiter
Es ist zum Verzweifeln: „Warum machst du das jetzt nicht einfach, bitte.“ höre ich die Mama oder den Papa sagen. Die Kinder bringen uns an unsere Grenze. „Was ist nur los mit meinem Kind?“ Wir werden wütend oder schütteln hilflos den Kopf. Häufig folgen dann Selbstvorwürfe.
„Was habe ich falsch gemacht? Bin ich eine schlechte Mutter/ ein schlechter Vater?“
Du hast nichts falsch gemacht.
Das Wichtigste vorab: Du hast nichts falsch gemacht. Eine Wahrnehmungsstörung entsteht aufgrund einer körperlichen Problematik. Im sich entwickelnden Gehirn arbeiten entsprechenden Areale nicht optimal. Sie brauchen für ihre weitere Entwicklung gezielte Anregung.
Eine Wahrnehmungsstöung entsteht nicht (ich liste die Sorgen auf, die ich oftmals von Müttern höre) durch einen Kaiserschnitt und auch nicht durch eine ängstliche Mutter oder Verwöhnung. Egal welche anderen Vorwürfe du dir noch machst, vergiss sie. Eine Wahrnehmungsstörung kommt genauso wenig von deiner Erziehung wie eine Kurzsichtigkeit oder ein Plattfuß.
Kann man eine Wahrnehmungsstörung behandeln?
Ja. Seit 30 Jahren begleite ich als Ergotherapeutin Kinder mit Wahrnehmungsstörungen und ihre Familien. Täglich erlebe ich, dass sich die Verhaltensprobleme und der Stress in der Familie überraschend einfach lösen lassen, sobald wir es gemeinsam angehen.
Gerne begleite ich dich bei all den Fragen und Sorgen rund um das Verhalten und die Entwicklung deines Kindes. Welche Frage soll ich in den nächsten Beiträgen besprechen? Ich freue mich darauf von dir zu hören und zu erfahren, was dich gerade bewegt!
Bitte schreib an blog@ergoson.com
